Ansprüche der GPA-djp an die gewerkschaftliche Bildungsarbeit

(Ein Entwurf für einen Beitrag zum Forum Jägermayrhof)

In unserer Gesellschaft ist Lernen vielfach fremdbestimmt. Es geht oftmals um Verhaltens-änderung durch Instruktion. Das Sitzen im Klassenverband, hinter Tischen, in einer bestimmten Form und Zeit und das Melden per Handzeichen, usw.. ist darauf ausgerichtet, Menschen ein bestimmtes Verhalten an zu erziehen. Lernende werden zu Objekten degradiert, die das zu Lernen haben, was ein Dritter vom Außenstandpunkt für notwendig und richtig hält. Unter dem Motto was gelehrt wird wird gelernt.
Diese Lehr- und Lernsysteme sind stark auf Fremdbestimmung und Kontrolle aufgebaut, denn es steckt ein Gesellschaftsmodell dahinter, welches eben auf Kontrolle und Herrschaft basiert.

Um dieses „bürgerliche“ Gesellschaftsmodell zu durchbrechen braucht es wie bereits Victor Adler sagte: „Menschen, die sich als LenkerInnen und GestalterInnen der Gesellschaft begreifen!“ Wie kommt man dazu? Welche Ansätze gewerkschaftlicher Bildungsarbeit sind dazu notwendig und welche Funktionen sind maßgebend?

Einige wichtige Funktionen gewerkschaftlicher Bildungsarbeit:
Gewerkschaft Bildungsarbeit bewirkt eine Stärkung der Handlungsfähigkeit und politischer Durchsetzungsfähigkeit der FunktionärInnen und der Gewerkschaftsorganisation.
Bildungsarbeit wirkt unterstützend bei der Umsetzung strategischer Ziele. Deshalb ist die gewerkschaftliche Bildung immer auch ein Faktor der gewerkschaftlichen Politikgestaltung und viel mehr als nur „Organisationsarbeit“. Denn Bildungsarbeit ist gleichzeitig das Entwickeln und Entstehen von Bewusstsein, Wissen und Visionen und der damit verbundenen Strategien.
Die Bildungsarbeit der GPA-djp wirkt dabei identitätsstiftend für die FunktionärInnen und festigt die Bindung an die gewerkschaftliche Organisation und sorgt dafür, dass das erworbene Wissen mit den möglichen Handlungsoptionen im Betrieb, in der Branche und in der Gesellschaft verknüpft wird.
Unsere Bildungsarbeit liefert auch das praktische Werkzeug für die konkrete Arbeit vor Ort, im Betrieb, in Verhandlungsprozessen, im Aufsichtsrat und für Kampagnen im gewerkschaftlichen Alltag. Es geht um einen souveränen Umgang mit Konfliktsituationen über arbeitsrechtliche und gesellschaftliche  Durchsetzung von kollektivvertraglich gesicherten Rechten, bis hin zu Gesundheitsfragen wie z.B. Mobbing.
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit hat auch die Funktion der Selbstkritik über die eigene Geschichte, das eigene Selbst- und Demokratieverständnis und die Mittel und Wege, die dabei angewendet werden.

Welche Lehr- und Lernverhältnisse müssen geschaffen werden, damit diese Funktionen verwirklicht werden können?

Bildungsmaßnahmen der GPA-djp bauen auf einem emanzipatorischen Bildungsverständnis auf. In einem organisierten Lernprozess wird das Erfahrungswissen der TeilnehmerInnen für die Entwicklung notwendiger Schlüsselkompetenzen (siehe Oskar Negt) genutzt. Ziel unserer Bildungsarbeit ist es, viele Elemente expansiven Lernens einzuführen, welche die Interessen der Lernenden in den Mittelpunkt stellen und gleichzeitig dafür sorgen, dass gesellschaftsverändernde Maßnahmen im Sinne der gewerkschaftlichen Visionen gesetzt werden.
Klaus Dera von der IG-Metall hat „Lernverhältnisse“ beschrieben, die für einen emanzipatorischen Bildungsprozess, der zur Bewusstseinsbildung führt, unumgänglich sind. Sie bieten für uns als GPA-djp einen wichtigen Hinweis zur Gestaltung unserer Bildungsarbeit.

  • Demokratie im Seminar praktizieren statt Autorität ausüben
    Zwang und Unterordnung wird im Betrieb praktiziert. Gewerkschaftliche Bildungsmaßnahmen werden auf der Basis von Demokratie, Mitwirkung und Selbstorganisation durchgeführt.
  • Mit den TeilnehmerInnen auf gleicher Augenhöhe reden
    Die TN-Innen sind gleichberechtigte PartnerInnen in einem gemeinsamen Bildungsprozess. In ihrem persönlichen Umfeld sind sie ExpertInnen in eigener Sache.
  • Fragen aufwerfen statt Antworten zu geben
    Grundlage kritischen Denkens ist der Zweifel. Es geht nicht darum festgefügte Meinungen irgendwie zu widerlegen, sondern die Entstehung und den möglichen Nutzen dieser Meinung mit ihnen kritisch aufzuarbeiten.
  • Arbeitsaufgaben als „Forschungsprojekte“ organisieren
    Es geht nicht darum Inhalte und Gesetzte richtig wiedergeben zu lassen, sondern die Meinungsbildung  untereinander anzuregen. Wir haben damit als GPA-djp tolle Erfahrungen im Kreise der SpitzenrepräsentantInnen aus Europäischen BR-Körperschaften mittels kollegialer Fallberatung gemacht.
  • Gruppenkonflikte mit und von der Gruppe lösen lassen
    Störungen müssen bearbeitet werden, aber nicht durch  autoritäres Eingreifen der ReferentInnen (ExpertInnen) sondern gemeinsam  in einem partnerschaftlichen Seminarklima bewältigt werden.
  • Abweichende Meinungen zulassen und notfalls auch stehen lassen
  • Im Sinne der Meinungsvielfalt und dem produktiven Nutzen von Unterschieden sind unterschiedliche Meinungen wichtig. Sofern es sich nicht um ausdrücklich provokative, rechtsradikale, fremden- oder frauenfeindliche Äußerungen handelt, ist die Toleranzgrenze mit den TN-Innen abzustimmen.
  • Eigenverantwortlichkeit und Beteiligung der TeilnehmerInnen fördern – eingebettet in einem offenen Seminarverlauf
    Das Seminargeschehen wird in einem konstruktiven Diskurs gemeinsam mit den TeilnehmerInnen gestaltet und es sind viele Mitwirkungsmöglichkeiten vorhanden. Das Seminarkonzept ist „ein roter Faden“, der keine Leine ist, an der die TN-Innen herumgeführt werden, sondern er ist Wegweiser, der Platz für Abweichungen, Umwege und gedankliche Ausflüge lässt.
  • Mehr zuhören statt reden und Fragen sind die Würze gewerkschaftlicher Bildung
    Eine qualifizierte Seminarleitung sorgt dafür, dass die Beteiligung aller möglich ist und ein  Klima „zum Fragen“ geschaffen wird.
  • Bildung soll Spaß machen
    Es geht nicht nur um einen „Lernprozess“ im engeren Sinne. Bei uns werden Erfahrungen ausgetauscht, neue Eindrücke gewonnen, es werden gruppendynamische Prozesse ausgefochten und Freundschaften geschlossen, damit wird das Seminar umso erfolgreicher sein.

Gewerkschaftliche Bildung hat mit Denken und dem Erarbeiten eigenen Wissens  zu tun dafür braucht es Raum und Zeit.

Um der identitätsstiftenden Funktion von Bildung nachzukommen  und gleichzeitig Raum und Zeit für Bildungsarbeit zur Verfügung stellen zu können, bedarf es gewerkschaftlicher Bildungseinrichtungen. Diese gewerkschaftlichen Bildungszentren bieten die infrastrukturellen Möglichkeiten und einen kulturpolitischen Rahmen für ein konstruktives Lern-, Lebens- und Erfahrungsumfeld. Bildungshäuser für gewerkschaftliche Spitzenausbildung benötigen folgende Kriterien:

  • Die Bildungseinrichtungen sind mit einer personellen Struktur ausgestattet, die die modernsten pädagogischen und didaktischen Bildungsprozesse für die Qualifizierung der SpitzenfunktionärInnen gewährleisten.
  • Die  Bildungshäuser verfügen über eine Infrastruktur, die Lernen und Wohnen am gleichen Ort vorsehen, dies erlaubt Gruppenprozesse, die vor allem die Stärke der Bindung an die Organisationen mitbegründen.
  • Die technische Ausstattung der Bildungshäuser sichern den TeilnehmerInnen modernsten Standard für die künftige mediale Ausbildung (Radio, Fernsehen, Web2.0,…)
  • Die gesamte Organisations- und Infrastruktur der  Bildungshäuser ist integraler Bestandteil eines Bildungskonzeptes, die sich am Bedarf der AN-Innen-Organisationen und den Erwartungen bzw. Bedürfnissen der TeilnehmerInnen ausgerichten.
  • Die Bildungshäuser sind in der Nähe der gewerkschaftlichen Zentren (z.B. Wien, Linz, Graz,…) anzusiedeln, weil damit die kultur- und bildungspolitischen Angebote der Großstädte genutzt werden können. Die Nähe zu den gewerkschaftlichen Zentren im Sinne des interessenpolitischen Auftrags sichert zusätzlich die Durchführung eines gewerkschaftlichen Diskurs mit den SpitzenrepräsentantInnen der ArbeitnehmerInnenbewegung, Wissenschaft und Politik.

Die derzeitige Diskussion um die Schließung der gewerkschaftlichen Bildungszentren ist die Einsparung von „Raum“ für gewerkschaftlicher Bildungsarbeit. Im Hintergrund findet ein „Ringen“ zwischen jenen, die Bildung hauptsächlich nach ökonomischen Gesichtspunkten bewerten und jenen, die sich gewerkschaftspolitische Bildungsaspekte bemühen, statt. Die gesamte „Diskussionsbreite“ um ein Bildungshaus in Wien und alsbald in Linz kann natürlich nicht in ein paar Zeilen dargestellt werden.

Wie kommt die GPA-djp zu den Zielgruppen für ihre gewerkschaftliche Bildungsarbeit? Neue Ansätze einer strategischen Bildungsbedarfsplanung.

Die web2.0-Herausforderung für die ArbeitnehmerInnen-Seite bedeutet den strukturellen Wandel  nicht zu verschlafen und nicht nur das mindest Notwendige mehr schlecht als recht zu tun, sondern geschickt und lebendig und auf allen Ebenen im www “präsent zu sein” und es für einen zielgruppenspezifischen Einsatz im Rahmen der Bildungsarbeit  (siehe die Bildungsblogs der GPA-djp) zu nutzen.
Viel entscheidender ist eine strategische Bildungsbedarfsplanung, die gewährleistet, dass die KollegInnen der GPA-djp aus den strategisch wichtigen Betrieben die Spitzenlehrgänge der ArbeitnehmerInnenbewegung besuchen. Begonnen wird dieser Planungsprozess bereits in den Grund- und Aufbaukursen mit der persönlichen bzw. individuellen Bildungsplanung jedes/jeder TeilnehmerIn. Dazu bedarf es einer  Nachfolgeplanung in den BR-Körperschaften genauso wie einer verstärkten Bildungsberatung durch die betreuenden GewerkschaftssekretärInnen.

Die Entstehung gewerkschaftlichen Bewusstseins findet nicht nur durch Bildungsarbeit statt – oder Bewusstseinsentwicklung als Bildungsarbeit ausserhalb des Seminarraums

Im VÖGB-Skriptum „Sitzungen, die bewegen – vom Gremium zum Arbeitsteam“ liefert Evelyn Blau einen wichtigen Hinweis. Die Entwicklung unseres gewerkschaftlichen Bewusstseins basiert auf der Summe aller Abbilder, Begriffe und Erfahrungen, die wir im gewerkschaftlichen Kontext wahrgenommen haben und sich in unserer „inneren Landkarte“ abbilden.
Die Bedeutung von z.B. gewerkschaftlicher Solidarität wird beim einzelnen Menschen vor allem aus zwei Quellen gespeist

  • der gesellschaftlichen/gewerkschaftlichen Bedeutung, die über die Sprache (Kommunikation) vermittelt wird und
  • dem persönlichen Sinn (Nutzen) , der über persönliche Erfahrung und emotionale Bewertung entsteht.

Diese Kombination aus persönlichen Sinn und allgemeiner Bedeutung ergibt das – immer ganz individuelle – Bewusstsein eines Menschen.
Daraus ergeben sich klare Schlussfolgerungen für die gewerkschaftliche Bildungsarbeit. Die Entwicklung von gewerkschaftlicher Solidarität benötigt eine Kultur des „Tuns“. Oder wie Martin Allespach und Lothar Wentzel in ihrem Buch „Politische Erwachsenenbildung“ schildern – es bedarf für jede Verankerung von gewerkschaftlichen Bildungsmaßnahmen konkreter Handlungsoptionen im Betrieb oder in der Gesellschaft, damit im „TUN“ das Bewusstsein weiter entwickelt wird.
Bildung findet als Akt von Zivilcourage, bei der Übernahme von Aufgaben, beim Einbringen von Ideen und Vorschlägen, bei der Demonstration, bei Aktivitäten zur Interessendurchsetzung und bei einer Gewerkschaftssitzung statt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Bildungsbedarfsplanung, Dokumentation und verschlagwortet mit , , , von Werner Drizhal. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Werner Drizhal

Den Lehrberuf "Elektromechaniker für Starkstrom" in der AMAG-Ranshofen erlernt. Als Jugendvertrauensratsvorsitzenden zum ÖGB-Oberösterreich als Jugendsekretär gewechselt. Nach Absolvierung der Sozialakademie als ÖGB-Bezirkssekretär für Linz-Land gearbeitet. 1996 bis 1999 Mitglied eines OE-Teams der ÖGB-Zentrale, wo ich mich mit Organisationsentwicklung der ÖGB-Bezirkssekretariate und Mitwirkungsfragen von FunktionärInnen in der Gremienarbeit beschäftigte. 1999 in die ÖGB-Zentrale als Personalentwickler gewechselt. Hauptverantwortlich für die Einführung von MitarbeiterInnengesprächen im ÖGB. Umsetzung von professionellen Personalinstrumenten in der ÖGB-Zentrale. Ausbildung in systemischen Coaching und Erlebnispädagogik absolviert. 2007 Wechsel in die Bildungsabteilung der GPA-djp. Zur Zeit Leiter des Geschäftsbereichs Bildung - Gewerkschafts- und Personalentwicklung in der GPA-djp.

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