Trends in der Erwachsenenbildung – Update 2013

Die ursprüngliche Version des folgenden „programmatischen“ Eintrags in diesem Blog stammt von Werner Drizhal aus dem Jahr 2008. Die Inhalte und Darstellungen haben nach wie vor Relevanz und sind es auch Wert, aus heutiger Perspektive noch einmal „gegengelesen“ zu werden. Hier also die erneute Veröffentlichung, ergänzt um einige aktuelle Links und die zeitliche Entwicklung angepasste Formulierungen.

Ein Ausblick auf „neue Lernkulturen und neue Lernwelten“ ausgehend von einem Vortrag von Dr.in Elke Gruber im Rahmen der Sitzung des AK/ÖGB-Bildungsrats am 29. April 2008.

Die Grundlagen und Herangehensweisen an Bildung allgemein und – unser Hauptfokus – Erwachsenenbildung als spezieller Bildungsbereich sind durch ständige Entwicklungen gekennzeichnet. Der aktuell stattfindende grundlegende Perspektivenwechsel wird vor allem anhand der Konjunktur von Begrifflichkeiten und der dahinter stehenden Bildungsverständnisse erkennbar – von bisherigen Formen der „Erwachsenenbildung“ über die „Weiterbildung“ bis hin zum „Lebenslangen Lernen“. Für die zunehmende Bedeutung von „Lebenslangem Lernen“ sind maßgeblich drei Gründe ausschlaggebend, die darauf hinweisen, wie Lernprozesse eine neue Einbettung in veränderte Lebensverhältnisse erfährt:

  • Lebenslanges Lernen als Biographisierung des Lernen: die Biographisierung kommt vor allem durch die Ausdehnung des Lernens auf den gesamten Lebenszyklus zum Ausdruck – Stickwort: „Der Mensch ist lernfähig bis ins hohe Alter.“
  • Lernen als Querschnittsaufgabe in einer systemischen Sicht: Lernen bleibt nicht mehr auf Erwachsene und Erwachsenenbildungsinstitutionen beschränkt, sondern Lernen wird zum Prinzip vieler Institutionen – Stichworte: lernende Organisation, lernende Region, Lernen am Arbeitsplatz etc.
  • Lernen als breites, mehrdimensionales Geschehen: hier wird an die ursprünglich weite Definition von lebensbegleitendem Lernen über eine reine ökonomische Anpassung hinaus angeknüpft – Stichworte: Civic Education, soziokulturelle Bildung etc.

Ausgehend von diesen gesellschaftlichen Bedingungen, in die Lernen immer mehr auf eine neue Art und Weise eingebettet wird, wird Lebenslanges Lernen in vier Modellen konkretisiert (nach den vier bildungspolitischen Modellen Lebenslangen Lernens von Schuetze/Sawano/Fraiz 2004):

  1. ein emanzipatorisches Modell, in dessen Mittelpunkt die Erhöhung von Teilhabe- und Lebenschancen durch lebenslanges Lernen steht;
  2. ein traditionelles/kulturelles Modell, in dem lebenslanges Lernen vor allem der Selbstentwicklung und –verwirklichung dient;
  3. ein liberales/postmodernes Modell, das lebenslanges Lernen als zeitgemäßes Lernsystem modernisierungsintensiver Gesellschaften sieht;
  4. der Humankapitalansatz, der die Anpassung oder Erneuerung der beruflichen Qualifikationen als funktionales Erfordernis hervorhebt.

Rund um Konzepte des Lebenslangen Lernens wurden bereits mit der „Lissabon-Strategie“ der EU (nunmehr aktuell ist die „Europa 2020“-Strategie) Schlüsselprozesse bestimmt, die unter anderem zur Erarbeitung „Nationaler Strategien zum Lebensbegleitenden Lernen“ führten. Während mittlerweile eine – über die Jahre mehrfach überarbeitete – „Österreichische Strategie zum Lebensbegleitenden Lernen“ vorliegt, waren die ersten Entwürfe vielfacher Kritik ausgesetzt. (An dieser Stelle erfolgt keine Bewertung der 2011 beschlossenen Strategie zum Lebensbegleitenden Lernen.)

Diskussion/Anmerkungen

Auch in den Diskussionen des Bildungsrates wurde Kritik geäußert. Diese betraf vor allem die starke Betonung ökonomischer Anforderungen und Sichtweisen als grundsätzliche Perspektive bzw. Herangehensweise an Fragen des Lebenslangen Lernens. Die Vermittlung von “funktionalem Wissen” wird in den Vordergrund gerückt, während Bildung im Sinne von Bewusstseinsentwicklung oder der Entwicklung von (künstlerischer etc.) Kreativität inhaltlich und strukturell vernachlässigt wird. Auch der emanzipatorischen Bildung, die die Lernenden dazu befähigen soll, am gesellschaftlichen Leben mit zu wirken, dieses aktiv mit zu gestalten und mit zu entscheiden, wird kaum Bedeutung zuerkannt. Als spezifisch gewerkschaftlicher Hinweis dazu: Bereits Victor Adler meinte, Bildung soll dazu beitragen, die Menschen zu „LenkerInnen“ der Gesellschaft zu machen. Die Diskussion eröffnete aber auch Selbstreflexionsmöglichkeiten für die gewerkschaftliche Bildung. Eine spannende Frage war, inwieweit die Gewerkschaftsbewegung in der Praxis der gewerkschaftlichen Bildung den emanzipatorischen Bildungsansatz forciert oder eher vermehrt funktionales Wissen vermittelt.

Was ist nun Lebenslanges Lernen – sind das die “Silver Surfers” – die Omas und Opas am Laptop oder “Gerneration 50 Aktiv” oder die Schlagworte “Jüngere lernen von den Älteren”. Die Definition Bund-Länder-Kommission in Deutschland:

„Lebenslanges Lernen umfasst alles formale, nicht-formale und informelle Lernen an verschiedenen Lernorten von der frühen Kindheit bis einschließlich der Phase des Ruhestands. Dabei wird ‚Lernen‘ verstanden als konstruktives Verarbeiten von Informationen und Erfahrungen zu Kenntnissen, Einsichten und Kompetenzen.“ (Bund-Länder-Kommussion für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) 2004, Seite 13.)

Mit dem Konzept des Lebenslangen Lernens geht eine Modernisierung durch Flexibilisierung von Bildung und Weiterbildung auf mehreren Ebenen einher:

  1. Ebene: Flexibilisierung der Struktur – Entgrenzung von Bildungs- und Weiterbildungsprozessen
  2. Ebene: Flexibilisierung der Abschlüsse – Anerkennung von nonformalem und informellem Wissen
  3. Ebene: Flexibilisierung der Curricula und der Lernorganisation – Modularisierung
  4. Ebene: Flexibilisierung der Inhalte – Schlüsselqualifikationen- und Kompetenzansatz
  5. Ebene: Flexibilisierung auf der Ebene der Methodik/Didaktik – selbstorganisiertes/selbstgesteuertes Lernen

Diskussion/Anmerkungen

Den Hinweis auf die Ebene der Schlüsselqualifikationen bzw. -kompetenzen aufgreifend, sind für die gewerkschaftliche Bildung vor allem die diesbezüglichen Arbeiten von Oskar Negt von besonderem Interesse.

„Negt hat sich in den 1960er-Jahren Gedanken zur Theorie und Praxis der ArbeiterInnenbildung gemacht. In seinem Werk „Soziologische Phantasie und exemplarische Bildungsarbeit“ (1968) beschreibt er gesellschaftliche Schlüsselqualifikationen, die für ihn ‚Kompetenzen in den Dimensionen des Lebens sind‘. Hier finden sich schon damals die ‚ökologische Kompetenz‘ neben der ‚technologischen‘ und der ‚Gerechtigkeitskompetenz‘. Lediglich eine der sechs formulierten Kompetenzen ist die ökonomische, die bei ihm aber als das Verstehen definiert ist: ‚wie der Markt funktioniert, was seine Gesetze sind ist der Lerngegenstand, der heute nottut‘ (und das zu Zeiten des keynesianischen Wohlfahrtsstaates!) und nicht als ‚Funktionieren für den Markt‘.“ (Petra Völkerer 2005)

Die Kompetenzen nach Negt im Einzelnen:

  • Identitätskompetenz – als Umgang mit bedrohten und gebrochenen Identitäten
  • ökologische Kompetenz – als einen pfleglichen Umgang mit Menschen, Dingen und der Natur
  • technologische Kompetenz – als ein Begreifen gesellschaftlicher Wirkungen von Technik und als Entwicklung von Unterscheidungvermögen
  • historische Kompetenz – als Erinnerungs- und Utopiefähigkeit
  • Gerechtigkeitskompetenz – als eine Sensibiltät für Enteignungsverfahren, für Recht und Unrecht, für Gleichheit und Ungleicheit
  • ökonomische Kompetenz – als Fähigkeit der Kritik an der Vormachtstellung betriebswirtschaftlichen Denkens, das volkswirtschaftliche Sichtweisen aufgezehrt hat.

Für die Gestaltung und Weiterentwicklung gewerkschaftlicher Bildung bedarf es einer fortgeführten Auseinandersetzung mit dem Verständnis von Kompetenzen. Dieses steht im Zusammenhang mit dem Rollenverständnisse von gewerkschaftlichen AkteurInnen und ist damit auch anleitend für die Ausrichtung sowohl von Inhalten und Methoden gewerkschaftlicher Bildungsmaßnahmen.

Fazit und Ausblick hinsichtlich (Erwachsenen-)Bildung und ihrer pädagogischen Bereiche:

  1. Grundbildung – Allgemeinbildung
  2. Fachliche Kompetenz – „Employability“
  3. Handlungsfähigkeit – Gestaltungsfähigkeit
  4. Reflexionsfähigkeit – Orientierung
  5. Identitätsstiftung – Sinn finden
  6. einen Platz in der Gesellschaft finden – Demokratiefähigkeit

Diskussion/Anmerkungen

Ergänzung eines Schlussplädoyers:

„Bildung muss fesseln. Sie muss neugierig machen, sie muss uns Freude bereiten und eine tiefgehende Befriedigung erzeugen. Nur dann ‚wirkt‘ Bildung auch, nur dann kann sie auch orientieren und uns qualifizieren – für das Leben und für den Arbeitsmarkt. Sie kann uns aber auch unterhalten – und zwar nachhaltiger als so manch andere Beschäftigung. Nun könnten Sie einwenden, dass dies nur auf wenige Menschen und eine bestimmte Art von Bildung zutrifft, für Leistungswissen, was wir häufig für den Beruf brauchen, vielfach nicht. Dies bezweifle ich grundsätzlich: Denn erstens, – ich folge hier Hartmut von Hentig (1996) –, ist jeder Mensch der Bildung bedürftig und fähig und zweitens, alles ist bildend – nicht nur die Beschäftigung mit den Kulturgütern, sondern die Auseinandersetzung mit den Dingen, Prozessen unserer Welt und sich selbst.“ (Elke Gruber 2007, Seite 02-10)

Literaturhinweise:

Bund-Länder-Kommussion für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) (2004): Strategie
für Lebenslanges Lernen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn.

Gruber, Elke (2007): Erwachsenenbildung und die Leitidee des lebenslangen Lernens. In: Magazin erwachsenenbildung.at Ausgabe 0, Februar 2007, Wien.
Schuetze, H.G. / Sawano Y. / Fraiz, T.O. (2004): Lifelong Learning. Thematic Commission at 12th World Congress of Comparative Education Societies. Unpublished.
Völkerer, Petra (2005): Unternehmerisch und erschöpft? In: Arbeit&Wirtschaft 05/2012, Wien.

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