Neue Impulse gewerkschaftlicher Bildung: „GegenBewegungen bilden!“

Im weiten Feld der Erwachsenenbildung wird – so zumindest unser Eindruck – der politischen Erwachsenenbildung insgesamt oft nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt, verglichen mit betrieblichen und arbeitsmarktpolitischen Weiterbildungsangeboten und Qualifizierungsmaßnahmen. Noch etwas stärker dürfte das auf ein spezifisches Feld der politischen Erwachsenenbildung zutreffen, nämlich auf die gewerkschaftliche Bildungsarbeit. In den vielfältigen einschlägigen Diskussionen im Weiterbildungsbereich, die seit Jahren maßgeblich durch Diskurse um Lebenslanges Lernen, Kompetenzentwicklung/-bilanzierung, Professionalisierung und Qualitätsentwicklung markiert sind, waren kaum bzw. nur selten Impulse wahrzunehmen, die von Gewerkschaften ausgingen.

Um Impulse setzen und sowohl Diskurse als auch praktische Bildungsarbeit nicht nur innerhalb einer Organisation sondern auch im jeweiligen Referenzfeld der Umwelt mitgestalten zu können, bedarf es zunächst eigener Reflexions- und Entwicklungsräume. Deren Vorhandensein und die Form ihrer Ausgestaltung sind die Voraussetzung für eine permanente (selbst-)kritische Erarbeitung des eigenen Bildungs- und Organisationsverständnisses, das es erlaubt und ermöglicht, sowohl Anschluss zu Fachdiskursen als auch lernenden gegenseitigen Austausch mit unterschiedlichen AkteurInnen herzustellen.

GegenBewegungen

Solche „Räume“ sind nicht selten in forschenden, beratenden oder eben auch in bildenden Bereichen angesiedelt. In der (österreichischen) Gewerkschaft spielt diesbezüglich die ReferentInnen-Akademie (REFAK) von Arbeiterkammer und VÖGB eine zentrale Rolle. Die REFAK wurde – wie kurz berichtet – in den letzten eineinhalb Jahren einem umfassenden Neugestaltungsprozess unterworfen. Obwohl seit geraumer Zeit sowohl bei der Zielgruppenbestimmung als auch auf Programmebene die Änderungen bereits laufen, setzt sich die REFAK mit einer Tagung am 04. Dezember 2013 so etwas wie einen Startpunkt der neuen Version. (Wäre die Benennung nicht mittlerweile mehr als verbraucht, könnte man zutreffen von einer „REFAK 2.0“ sprechen.)

Mit der Tagung „GegenBewegungen bilden! Politische Bildung im Kontext moderner Arbeitswelt“ (Details siehe unten!) soll dabei nicht nur der Stellenwert der eigenständigen Weiterentwicklung der Bildungsarbeit innerhalb der Gewerkschaften diskutiert, neu bestimmt und gefestigt werden. Der Einstieg in ein neues Kapitel gewerkschaftlicher Bildungsarbeit legt es nahe, den Versuch zu wagen, weiter zu gehen und das bedeutet heute mehr denn je: Rückbesinnung auf Grundlagen gewerkschaftlicher Bildung, um sie gleichzeitig auf aktuelle Problemlagen anzuwenden und dabei sowohl zu testen als auch weiterzuentwickeln und zwar nicht im geschlossenen Raum, sondern unter Kooperations-, Vernetzungs- und Austauschbedingungen. Gerade dadurch wird sichtbar, dass es sich um ein Feld genuin politischer Bildungsarbeit handelt, dem handlungsorientierte, emanzipatorisch-ermächtigende und kollektive Ziele und Funktionen zugrunde liegen.

Gewerkschaftliche Bildung ist angesichts heutiger Krisen- und Problemlagen der Gesellschaft in einer prinzipiell aussichtsreichen Position, um neue Fragen aufwerfen, bisherige Fragen anders zu stellen und Kritik sowie Antworten zu ermuntern. An diesem Punkt setzt auch die Tagung „GegenBewegungen bilden!“ an, indem sie auf verschiedene Weise nach „dem Politischen“ in der Erwachsenenbildung fragt und unterschiedliche mit Arbeit bzw. Arbeitswelt verbundene Kontexte nach Formen politischer Bildung durchsucht. Sie ist gleichzeitig auch der Versuch die grundsätzlich gute Position gewerkschaftlicher Bildung in einer anderen Hinsicht zu nutzen, nämlich ein Forum für Dialog, Austausch, Diskussion und Vernetzung zu bieten, in dem und aus mit dem die gesellschaftliche Bedeutung politischer (Erwachsenen-)Bildung zunächst in Diskursen und darüber hinaus vielleicht in kritischen (Gegen-)Bewegungen gestärkt und als gestaltende Kraft gefestigt werden kann. Dies hier ist eine Einladung zur Beteiligung an diesem Prozess!

Tagung: „GegenBewegungen bilden! Politische Bildung im Kontext moderner Arbeitswelt“

Tagung der VÖGB/AK-ReferentInnen-Akademie am 04. Dezember 2013 im Bildungszentrum der Arbeiterkammer Wien.

Arbeitswelt heute ist gekennzeichnet durch zunehmenden Druck und wachsende Unsicherheit – die Arbeitsintensität und Arbeitsplatzunsicherheit nehmen zu, Menschen werden über Grenzen hinweg gegeneinander ausgespielt, die scheinbare Notwendigkeit sich ständig aus- und weiterzubilden schreibt sich immer tiefer in das Bewusstsein Vieler ein. Auch Phänomene wie Prekarisierung, Leiharbeit, die „Generation Praktikum“ und „Working Poor“ prägen die Diskussion und bringen ArbeitnehmerInnen immer wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

alphabet Dass hinter diesen Entwicklungen und Zuständen ein rücksichtsloses Finanzregime steht, dass die “Ökonomisierung” der “Wettbewerbsgesellschaft” auf die Spitze treibt, behandelt unter anderem der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer in seiner Dokumentation “Let’s make MONEY” (2007). In seinem neuen Film „alphabet” verknüpft Wagenhofer die Prozesse der umgreifenden Ökonomisierung mit dem Thema Bildung. Auch Bildung bleibt von der Verwertungs- und Wettbewerbsideologie nicht verschont.

Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen stellt sich aus einem kritischen Standpunkt heraus auch heute die Frage: Was tun?
Anders, nämlich für die durch “Individualisierung” gekennzeichnete “Wettbewerbsgesellschaft” formuliert, lautet die Frage: Was kann eine bzw. einer alleine schon bewegen? Die Antwort: Wenig! Kollektives Handeln vermag jedoch eine ganze Menge.

Es herrschen Zustände, gegen die Gewerkschaften von jeher kämpfen und gegen die zunehmend auch andere soziale Bewegungen, Institutionen und selbstorganisierte Gruppen aktiv werden. Hier wie dort ist politische Bildung ein zentrales Moment der Organisation – ohne Bildung keine Organisation, ohne Organisation keine Bewegungen.

Doch wie muss politische Bildung organsiert sein, um Phänomenen wie Individualisierung und Entsolidarisierung in der modernen Arbeitswelt entgegenzuwirken und zu deren Demokratisierung beizutragen? Wie können unterschiedlichste Zielgruppen erreicht und für politische Bildung begeistert werden? Wie muss Lernen stattfinden um Menschen zu kollektivem, solidarischem Handeln zu motivieren und zu stärken? Welche Rolle kann der Betrieb dabei als Ort des (informellen) Lernens spielen und wo findet dieses Lernen in Arbeitsrealitäten statt, wenn es keinen Betrieb gibt?

Diese und darüber hinausgehende Fragen werden im Rahmen der Tagung “GegenBewegungen bilden! Politische Bildung im Kontext moderner Arbeitswelt” erörtert und in Arbeitsgruppen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln diskutiert. Im Anschluss an die Tagung besteht die Möglichkeit, Erwin Wagenhofers Film “alphabet” im Kino De France zu sehen.

Tagung:
04.12.2013, 10.00 – 19.00 Uhr
Bildungszentrum der AK Wien
Theresianumgasse 16 – 18, 1040 Wien

Film:
04.12.2013, 20.00 Uhr
Kino De France
Heßgasse 7, 1010 Wien

Tagungsprogramm (PDF):

10.00 Uhr Eröffnung

Diskussion: Veränderungen in der Arbeitswelt: Herausforderungen für kritische politische Bildung heute

Denkanstöße durch Filmsequenzen aus Erwin Wagenhofers neuem Film „alphabet“
Diskussion mit André Stern (Protoagonist im Film) und der Bildungswissenschafterin Julika Bürgin (gewerkschafts- und arbeitspolitische Bildung)

Moderation: Rosa Bernadette Nentwich-Bouchal

12.00 Uhr Mittagspause

13.00 Uhr Parallele Arbeitsgruppen

Community Education – Lernoption in der Arbeitswelt jenseits des Betriebs?

Lernort Betrieb – Informelles Lernen und Potentiale für emanzipatorische politische Bildung

Für (politische) Bildung begeistern – Wie man Zielgruppen erreicht

Welche Bildung braucht politische Bildung? Für die Politisierung von TrainerInnen

Über den Tellerrand – Politische Bildung und Globalisierung, Standortwettbewerb, Migration

Politische Bildung, LebensLanges Lernen und Ökonomisierung

16.00 Uhr Pause mit Poster-Präsentationen

16.30 Uhr Abschlussdiskussion

18.00 Uhr Zertifikatsverleihung an AbsolventInnen der VÖGB/AK ReferentInnen Akademie

  • Rudi Kaske, Präsident der Bundesarbeitskammer
  • Sabine Oberhauser, Vizepräsidentin des ÖGB

20.00 Uhr (optional) „alphabet“, der neue Film von Erwin Wagenhofer, Kino De France
Anschließend Gespräch mit André Stern (Protagonist des Films und Autor des Buches„…und ich war nie in der Schule“)

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